Über die Schulter schauen - Steinzeug Keramik und eine story zu nEM

Ein selbstgebauter Holzbrennofen und Ton für ein ganzes Töpferleben

Vorab eine Story zu neM-Keramik, Keramik mit natürlichen effektiven Mikroorganismen - eine „unendliche“ Geschichte mit weiteren zu erwartenden Kapiteln.

Im Winter 2014 hatte ich eines Morgens überraschenden Besuch von zwei Herren. Der eine war mir nicht unbekannt und der andere Herr hatte einen unetikettierten 5 l Kanister säuerlich riechender leicht gelblicher Flüssigkeit für mich dabei. Eine Substanz fermentativ gezüchteter spezieller effektiver Mikroorganismen.  Auf der Maischebasis von eigens und im großen Stil angebautem Knollen von Topinambur gediehen diese „guten“ Mikroorganismen (Hefebakterien, Milchsäurebakterien u.ä. ), die sich – wie sich im anschließenden Gespräch herausstellen sollte – von „bösen“ Mikroorganismen wesentlich unterscheiden sollen.

Sinn und Zweck jenes Besuches war, mir nahe zu legen, mit jenem in die Tonmasse einzuarbeitenden  sEM-Präparats keramische Pipes anzufertigen. Gesundheitliche Bedenken mit dieser Substanz umzugehen bestünden keinesfalls, eher im Gegenteil. Ich war offen für diese Herausforderung und schnell von der Idee zu begeistern, diese EM-Pipes keramisch umzusetzen.

Nach vielen umfangreichen Versuchen mit meinem etwas in die Jahre gekommenen großen Gerhards Tonschneider/ Stangenpresse entstanden erste Prototypen dieser Röhrli  und Herr A. hatte gegen ursprüngliche Absprachen und Infos meinerseits 3 streng getrennte und bezeichnete Portionen nicht selbst mal nur so begutachtet, sondern diese gleich an das Labor Staller, das mit der Universität in Weihenstephan zusammen arbeitet,  gesandt. Diese 3 allerersten Proben wurden also sofort im Auftrag von Herrn A. dem nicht billigen Redox –Test unterzogen. Eine Probe enthielt das sEM-Präparat als Anmachflüssigkeit im Ton, eine andere Probe wurde nach der Formgebung der noch plastischen weichen Tonröhrli mit dem Präparat der speziellen effektiven Mikroorganismen eingesprüht, eingepackt und hatten dann über 2-3 Wochen zu fermentieren. Die 3. Portion war streng getrennt von 1+2 überhaupt nicht mit den sEM’s in Berührung gekommen, also nur der spezielle in Frage kommende Klingenberger Ton.

Nicht irgendein Ton, sondern  mein seit Jahrzehnten verwendeter Klingenberger Ton aus der Region, den ich mir einst mit einem 30-Tonnen-Tieflader direkt aus dem Untertage-Tonbergwerg in Klingenberg am Main mit meiner ganz persönlichen Begleitung anfahren ließ. Tonmengen für ein langes Töpferleben, wie hier auf anderer Seite ausführlich beschrieben.

Mit großer Begeisterung teilte mir Herr A. dann mit, dass der Redox-Test meiner ersten Pipes-Prototypen vom  Labor Staller nicht nur beste Ergebnisse, sondern sogar bessere Werte als die von den im Test angewandten Vergleichsprodukten  (Original  japanische(?) EM-Pipes) erbrachten. Alle 3 meiner Proben, mit geringen Unterschieden besser?! Also sogar die 3. Probe ohne jeglichen Zusatz von sEM! Gibt es natürliche im Ton vorkommende effektive Mikroorganismen - neM´s?

Neben der Tatsache, dass mein verwendeter Ton aus Klingenberg ein erdgeschichtliches Alter von über 30 Millionen Jahren aufweist (japanische Tone sind mit ca. 1 Million Jahre wesentlich jünger), brannte ich die Röhrli in meinem Holzbrennofen in einer Kapsel unter Sauerstoffabschluß, also reduzierend. So geschieht ein Verglühen, aber keine Verbrennung der EM. Der Kern meiner aufgeschlagenen Röhrli ist dunkel bis schwarz, dort ist sehr viel Kohlenstoff  im Scherbeninnern eingelagert. Die vergleichbaren Originalprodukte sind oxidierend gebrannt, hell, weiß, außen wie innen. Das heißt wohl auch, dass meine schier gesamte keramische Produktion, die immer einen mehr oder weniger großen Anteil von Klingenberger Ton beinhaltet, seit Jahrzehnten mit der Wirkung von natürlichen effektiven Mikroorganismen  in Verbindung gebracht werden kann?! 

    Nicht nur, weil aus der Stangenpresse diese Röhrli als unendlicher Strang gepresst werden oder mein Ton vielleicht schon alle effektiven Mikroorganismen dieser Welt in den Jahrmillionen gesehen hat, die Geschichte dieser neM ist fast unendlich und ich werde an diesem Text weiterschreiben.

Falls ich hier schon mal Interesse geweckt haben sollte, ich biete diese Röhrli  aus meiner bisherigen Produktion zum Verkauf an. Die Zusammenarbeit mit Herrn A. ist trotz entsprechender Ankündigung in seinem Newsletter vom 12/2014 von ihm einseitig, ohne Nennung von Gründen und bedauerlicherweise abgebrochen worden.

Lindelbach, April 2018 –  Thomas Henle

 

 

Da mein größerer Holzbrennofen sehr unregelmäßig und auch mal in größeren Abständen gebrannt wird, gebe ich hier einen weiteren vorläufigen Brenntermin in diesem Jahr bekannt. Nein, ich wünsche beim Brennen eigentlich keine Besucher, aber die Annahme für Bestellungen größeren Umfangs oder Sonderanfertigungen sollten spätestens bis Ende Mai 2019 geklärt sein. Das gilt für alle im Holzbrennofen gebrannten Steinzeugartikel, wie Mittelaltergeschirr, Steinzeug-Teekeramik, Steinzeug-Brottöpfe, Biertrinkgefäße u.ä.


Eine große Ladung Ton wird abgeladenHier finden Sie eine ausführliche Beschreibung der Arbeitszusammenhänge von A-Z, alles aus einer Werkstatt. In der heutigen Zeit der Supermärkte und des globalen Handels von Massenprodukten eine Rarität, aber es gibt sie noch. Hier! Nicht nur die in Internet-Shop angebotene Keramik rings um das mittelalterliche Bankett aus meiner Töpferei ist reine Handarbeit. Ein Wesenszug des mittelalterlichen Kunsthandwerkers war die Bedingungslosigkeit mit der er, wie seine Vorväter den Beruf ausübten. Ich habe davon wohl noch etwas in die Neuzeit hinübergerettet, fertige diese Gefäße schon seit langem und meine Schilderungen über die Herstellung der selbigen, beginnen mit einer risikofreudigen Tonbestellung und der Fahrt eines 5-Achsen-Sattelzuges, der 30 Tonnen trockene Tonschollen aus dem Tonbergwerg in Klingenberg am Main auf dem vorbereiteten Gelände ablud.

Ein nahegelegener Bach wurde gestaut und die freiwillige Feuerwehr sumpfte damals die riesige Tonhalde innerhalb einer knappen Stunde patschnass ein. Darauf folgten Jahre des „Sommerns“ und „Winterns“, um die Verdichtung von Jahrmillionen, die der Ton in 50 m Tiefe erfuhr, der Witterung auszusetzten. Ton für ein Töpferleben… Die Aufbereitung zu einer auf der Töpferscheibe drehbaren Masse ist alle Jahre eine Wochenarbeit. Erst wenn diese Tonmasse dann noch einige Wochen liegt, sind die gröbsten Spannungen gelöst, die Plastizität gereift und die Hand des geübten Töpfers formt nach seinem Willen. Die Gefäßformen meiner „heutigen Mittelalterkeramik“ habe ich nach Mustern aus Museen und vielen Scherben im Bereich eines Brennofenfundortes aus dem Frühmittelalter für die Erfordernisse der heutigen Zeit „übersetzt“. Beispielsweise wird die hohe Brenntemperatur den Ansprüchen der „Rittermahl-Gastronomie“ gerecht. Fingerabdrücke können auf jedem Teil zuhauf gefunden werden, besonders die Füße und Ränder sind wellenartig gekniffen. Eine Technik, die nicht nur dekoriert, sondern auch dem Gefäß einen standsicheren Fußring verleiht. Das Abdrehen der Gefäßböden mit Metall war im Mittelalter noch nicht erfunden. Kleine Mulden für die zum Becher greifenden Finger werden ebenfalls in diesem noch plastischen Zustand vor dem Trocknen angelegt.


Steht die Töpferscheibe nach wochenlanger Dreharbeit still, werden die Glasureimer hervorgeholt, Aschen und andere Rohstoffe gemischt und gesiebt und auch schon ein Termin für einen möglichen Brand in Aussicht genommen. Dafür hatte ich 1993 meinen Holzbrennofen gebaut, mit einem ca. 1300 Liter großen Brennraum, in dem die Ware sorgfältig einzubauen ist. Tage vorher werden die Schamotteplatten und keramischen Stützen sauber geschliffen, mit einer Trennschicht überzogen und der Brennofen ebenso vorbereitet. Die große Menge Töpferwaren muss nun behutsam wie rohe Eier rings um den Brennofen in die überdachte Halle gebracht und übersichtlich deponiert werden. Das Einbauen der Ware gleicht einem dreidimensionalen Puzzle. Es gilt ganz bestimmte Regeln zu den verschiedenen Stellen im Brennraum zu beachten. Einzelne Gefäßformen und gewünschte Brandergebnisse bedürfen beim Einbau in die Brennkammer eines großen Erfahrungshintergrundes. Der hohe Zeiteinsatz des langen Heizens erfordert nicht nur eine Mindestgröße des Brennofens, sondern auch soviel Ware wie möglich einzubauen. Lücken dürfen nicht zu groß werden; berühren darf jedoch kein Stück das andere.


Befeuerung des großen Steinnzeug OfensDas Einbauen eines solchen Brennofens ist eine sehr feinmotorische Arbeit, die bei Winterkälte nicht geschehen kann, da die freistehende Ofenhalle 3 sehr luftige Seitenwände hat. Das Einbauen je nach Ware dauert etwa 1-3 Tage, zügig und ohne große Pausen. Danach wird schon leicht „gezündelt“, um die Ware gänzlich auszutrocknen. Über zwei unter der Brennkammer liegende Feuerungen werden noch über Nacht kleine Hartholzfeuer über Stunden geheizt. Nach wenigen Stunden Schlaf wird ein kleines Glutbett übrig bleiben, dann startet der eigentliche Brand. Viele Tätigkeiten sind neben dem eigentlichen Heizen angesagt: verschmieren der Ofentüre, Holz in den verschieden erforderlichen Eigenschaften herbeischaffen, protokollieren, die langen Stunden am Brennofen für das körperliche Wohl sorgen und die seelische Arbeit, vorübergehenden Abschied nehmen von der Töpferware, der wochenlangen Arbeit, um sie dem Schicksal des Feuers anzuvertrauen. Übliche Fragen des Laien sind: Wie, mit Holz kann auf Temperaturen bis 1300 Grad Celsius gebrannt werden? Wieviel Holz benötigt man dafür, usw.? Nach jedem Brand räume ich eine ganze Schubkarre voll Asche aus den zwei Feuerungsboxen!

Flamme kommt aus dem Schornstein des Steinzeug-BrennofensIn der Anfangsphase und in bestimmten Temperaturbereichen des Brandes ist ein sehr langsamer Temperaturanstieg sehr wichtig! Ab 1000 Grad wird das ständige Nachheizen über die zwei Feuerungen zur Schwerarbeit über weitere Stunden. Konzentration und Intuition ist gefordert. Der Töpfer und sein Ofen werden „eins“. Wehe, wenn einer der 4 Plattenstapel von 1,30 m Höhe wackelt, sich neigt, eine Platte bricht oder etwas verrutscht. Die Flammen, die später durch den 5 m hohen Kamin noch 1-2 Meter weit in den Nachthimmel ragen, durchziehen die gesamte Töpferware direkt. Die Flammen bringen mit einer Unmenge Funken glühende Aschepartikel an die Gefäßwände, wo sie kleben bleiben und ab 1200 º C beginnen, zu einer Ascheanflugglasur auszuschmelzen. Deshalb kann der Kenner und Liebhaber von Holzbrandkeramik immer nachvollziehen, wie ein Topf im Brennofen zur Flamme stand. Eine Gefäßseite ist immer etwas lebendiger, als die andere. Immer gibt es viele Schattierungen, Zeichen von Flamme und Rauch. So wird ein jedes Teil eigentlich zum unverwechselbaren Unikat und derjenige, der mit dieser schönen Keramik lebt, lernt sein Stück immer wieder aufs Neue kennen, schätzt es wert, eignet es sich auf seine Weise an und lernt es lieb! Wenn der Brand schließlich bis zur Weißglut geführt wurde, eine notwendige Sturzkühlung von 1300 auf 1000 Grad Celsius erfolgt ist und die Feuerungen und das Kaminloch ganz dicht verschlossen sind, träumt einer nur noch von einem lauwarmen Badezuber! Erst nach 2 Tagen kann der Ofen vorsichtig geöffnet werden. Das Ausbauen gleicht dann immer noch der Arbeit eines Saunameisters, aber das Töpferherz schlägt höher, wenn die Keramiken nach Stunden des Ausräumens, Sortierens, Wegpackens und Aufräumens wieder das Licht der Welt erblickt haben, vom Feuer gewandelt, wie neu geboren. Einige Brandfehler und etwas Bruch sind da meist leicht zu verkraften. Doch fertig ist die Ware noch nicht. Nun beginnt das sorgfältige Schleifen, Endkontrolle, Sortieren und Verpacken, das Einräumen ins Lager und dann noch der Verkauf.